MINA IN DER TIERKLINIK

Wie ich ja schon bei Elie und Anatol geschrieben habe, ist Mina, Elies kleine schwarz-weisse Stoffkuh, schwer krank.

Mina hatte plötzlich nichts mehr essen wollen und starke Bauchschmerzen bekommen. Es hatte ihr ihr sogar wehgetan, wenn Elie sie streichelte. Elie hatte ratlos an Minas Bettchen gesessen … Nachdem er Mina das 10. Glas Tee gebracht hatte, das unberührt kalt wurde, hatte Anatol kurzentschlossen die Nummer der Tierklinik der Zwerge gewählt – und der diensthabende kleine Zwerg hatte uns eindringlich nahegelegt, ohne zu Zögern mit Mina in die Klinik zu kommen. IMG_3002

Nach kurzem Beratschlagen waren wir übereingekommen, mit Anatols neuem Fahrrad in die Klinik zu fahren: die Drachenfluglinie streikte gerade und mit dem Auto kann man nicht in den Hainberg fahren. Das Trekkingrad schien das am besten geeignete Vehikel, um die Klinik schnell und auf dem kürzesten Weg zu erreichen.

Heute früh im Morgengrauen ist es soweit: Elie, Anatol und ich machen uns – Mina in der Krankentransporttasche – mit dem Fahrrad auf den Weg in Richtung Hainberg. Hier biegen wir in den Waldweg „Die lange Nacht“ ein und folgen ihm, bis es nicht mehr weitergeht. Ein kaum wahrnehmbarer Pfad führt mitten hinein in den Wald.

Goettinger_Landwehr_01
Goettinger Landwehr 01“ von Jan Stubenitzky (Dehio) – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Anatol flüstert: „Hier ist es. Das ist der Geheimweg zur Tierklinik. Ich bin mir ganz sicher.“

Der Pfad ist so schmal und das Unterholz so dicht, dass wir vom Fahrrad absteigen müssen. Bald ist klar, dass das Rad nicht einmal mehr geschoben werden kann – wir müssen es zurücklassen und zu Fuss weitergehen. Anatol schließt sein neues Fahrrad voller Sorge an eine Buche, während ich ihn beruhige: in diesen Teil des Waldes verirrt sich schon ein normaler Mensch nicht – ein Fahrraddieb dann erst recht nicht.

Wir gehen weiter. Schon nach wenigen Metern hat der Wald das Rad verschlungen – wir können weder den hellblauen Rahmen mehr sehen noch die gelben Reflektoren. Anatol schluckt.

Mina beginnt wieder, sich in ihrem Transportschlafsack zu winden und zu stöhnen. Elie schluchzt laut auf: „Wir kommen zu spät! Es geht Mina so schlecht – ich habe Angst, dass sie es nicht schafft! Du musst schneller laufen!“

Gerade will ich den beiden Butlern erklären, dass ich einfach nicht schneller laufen kann, da der Weg voller Wurzeln und sich windendem Unterholz ist – da knackt und kracht es laut neben uns in den Büschen. Ich erschrecke – was ist das für ein Geräusch?

Die Umrisse einer riesigen Gestalt lösen sich aus dem Gebüsch. „Anatol, wo ist mein Taschenmesser?“ zischele ich dem Saurier zu. Dieser ist allerdings tief in meinen Rucksack abgetaucht – voller Angst vor dem Ungeheuer, welches aus dem Wald auf uns zukommt!

Völlig unbewaffnet und dementsprechend wehrlos stehe ich vor dem Ungetüm – einen kleinen rosa Rucksack auf dem Rücken, in dem die zitternden Butler und die kranke Mina sich aneinanderkrallen. Ich balle die Fäuste – zumindest will ich mich nicht kampflos ergeben.

Das lärmende Untier ist ein gigantisches Wildschwein. Freundlich brummt es: „Der kleine Zwerg schickt mich. Ich soll Euch und die kleine Patientin hier abholen. Wir dachten uns schon, dass Ihr allein nicht weiterkommt hier im Dickicht. Steigt mal auf, ich bringe Euch zur Klinik.“

Ich bin so entgeistert, dass ich mich nicht einmal frage, wie man wohl auf einem Wildschwein reiten könne – und einen Moment später sitze ich bereits auf dem Rücken des Keilers, der nun im Schweinsgalopp durch den Wald jagt.

Eine Viertelstunde später treffen wir in der Klinik ein, wo das Wildschwein uns recht formlos an der Notaufnahme ablädt.

Mina atmet noch, aber es geht ihr sehr schlecht. Ein Zwerg schießt aus der Tür heraus, eine fahrbare Krankentrage hinter sich herziehend. Wir betten Mina darauf, und schon ist der Zwerg mit ihr in der Klinik verschwunden – in der Intensivstation.

Elie bricht in Tränen aus. Wir haben es geschafft, Mina bis in den Hainberg zu bringen, die ganze Lange Nacht entlang, durchs Unterholz und dann mit dem Wildschwein-Krankentransporter bis zur Klinik … nun können wir nichts weiter tun als warten und hoffen, dass das ärztliche Geschick der Zwergenmediziner Mina wird retten können.

Ein etwas größerer Zwerg im weissen Arztkittel kommt durch den Hof auf uns zu. „Sie müssen die Familie von Mina sein, nicht wahr?“ Wir nicken.

„Mina wird jetzt von unserem Intensivmedizinerteam behandelt. Es wird alles für sie getan, was in unserer Macht steht. Wir wissen allerdings noch nicht, was Mina fehlt. Bevor wir sie genauer untersuchen können, müssen wir Mina zunächst stabilisieren. Ich werde Sie über jeden Fortschritt auf dem Laufenden halten.“

Der Zwerg – wir vermuten, dass es sich um den mittleren Zwerg handelt – führt uns den Wartegarten: Blumenbeete sowie Kräuter- und Gemüsekästen sind dort sehr hübsch angelegt. Gartentische und -stühle und eine bequeme Liege stehen ebenfalls für uns bereit. „Dieser Garten ist für die Angehörigen unserer Patienten. Sie können hier einfach ausruhen und lesen – aber wenn es Ihnen Spaß macht, können Sie auch etwas gärtnern. So vergeht die Wartezeit schneller.“

Der Zwerg lässt mir einen Stoß Papiere zum Ausfüllen da (die Gesundheitsreform hat auch in der Tierklinik der Zwerge Einzug gehalten), Anatol und Elie bekommen Schäufelchen und eine Harke – so können sie sich an einem halbfertigen Gemüsebeet zu schaffen machen und müssen nicht alle zwei Minuten fragen, wie lang es denn noch dauern werde …

Der Vormittag vergeht … zu Mittag bekommen wir eine herrliche Blütensuppe mit Kapuzinerkresse – sehr zuvorkommend von der Ameise serviert. Das Wildschwein frisst nebenan in seiner Sandgrube Eicheln, die Elie mit ihm gesammelt hat. Leider erlauben die Tischmanieren des Wildschweins kein gemeinsames Mahl.

Es wird Abend … immer noch haben wir keine Nachrichten von Mina, außer der Tatsache, dass Mina operiert werden muss…

Wir frösteln: ein kühler Wind ist aufgezogen. Langsam müssen wir uns um eine Unterkunft kümmern: uns ist klar, dass Mina heute abend nicht entlassen wird – wenn sie überhaupt wieder gesund wird. Elie laufen Tränen aus den Augen.

Da – der mittlere Zwerg mit seinem eleganten weissen Anzug kommt durch die Glastür in den Garten. „Minas Operation ist gut verlaufen. Es wird allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen, bis es Mina wieder besser geht.“

Wir atmen etwas auf – diese Nachricht ist eindeutig positiv. „Was fehlte Mina denn?“ frage ich den mittleren Zwerg.

„Von Fehlen kann im Grunde keine Rede sein … Mina hatte im Gegenteil deutlich zu viele Sachen in ihrem Bauch, die dort nicht hingehören. Plastikfiguren, Flummis und mehrere Stoffmäuse … sind Sie sicher, dass Sie Mina ausreichend füttern?“

Das Blut weicht mir aus dem Gesicht. Was haben die Butler Mina zu essen gegeben? Scharf sehe ich Elie und Anatol an.

Anatol zuckt ratlos mit den Schultern. „Mina bekommt genau dasselbe zu essen, wie wir alle … ich kann mir das nicht erklären!“

Elie hingegen hat plötzlich einen hochroten Kopf. Auch habe ich das Gefühl, dass er gerade am liebsten im Erdboden versinken möchte. Was hat der Saurier zu verbergen? Ich packe ihn am Schlafittchen: „Elie, muss ich Dir erst die Ohren lang ziehen, bevor Du uns sagst, womit Du Mina fütterst?“

Elie jammert. Er habe Mina die Sachen nicht zu essen gegeben! Er wisse doch selbst, dass man so etwas nicht verschlucken darf. Er habe Mina nur erzählt, dass am nächsten Tag gutes Wetter werde, wenn man immer brav alles aufesse! Dabei habe er allerdings nicht die Flummis und Spielmäuse der Katzen gemeint … Mina müsse systematisch alles aufgefuttert haben, was auf dem Boden herumgelegen habe.

Da es tagelang geregnet hat, muss sie sehr motiviert gewesen sein.

Der mittlere Zwerg runzelt die Stirn. „Solche Fälle hatten wir bisher nur bei Katzen und Hunden, die am Pica-Syndrom litten. Bei Stoffkühen ist uns das neu. Leider war der operative Aufwand bei den 4 Mägen, die Mina hat, extrem hoch. Als Privatklinik müssen wir das mit dem dreifachen Satz abrechnen. Ich hoffe, Sie sind gut für Mina versichert.“

Mir wird schwarz vor den Augen. Selbstverständlich habe ich für Mina keine Versicherung. Elie wird nun eine ganze Weile kein Taschengeld bekommen – bis die Operation und der zweiwöchige Klinikaufenthalt, der auf die Operation folgen wird, abbezahlt sind.

Die Zwerge sind glücklicherweise kulant und bieten uns eine bequeme Ratenzahlung an. Dennoch wird die Klinikrechnung ein tiefes Loch in unsere Haushaltskasse reissen.

In unserem Hause wird nie wieder gutes Wetter vom Aufessen einer Mahlzeit abhängig gemacht werden.

5 Gedanken zu “MINA IN DER TIERKLINIK

  1. Wie wunderbar, eine Klinik, die einen Garten zum (aktiven) Warten anbietet!

    Vom pflichtbewussten Aufessen halte ich nicht viel, und jetzt – zugegeben nach ein wenig schmunzeln – noch weniger.

    1. majorneryz

      Ja, da hast Du Recht! Lieber öfter mal was liegen lassen – es läuft nicht weg und kann später ja immer noch gegessen werden (Anatol will ja nix wegwerfen, bzw. so wenig wie möglich).
      Wer zuviel isst, landet bei den Zwergen auf dem OP-Tisch ^^
      Mina geht es zum Glück besser und sie hält sich nun von Nicht-Essbarem fern.

      1. majorneryz

        Oh ja, da hast Du recht … die Zwerge sind auch wirklich ganz exzellente Ärzte.
        Nur finden muss man sie. Sie sind gut versteckt.

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