PELLE DER LUCHS

„Gib mir sofort mein Tablet wieder!“ schreit Elie wütend. Sein Ärger richtet sich an Anatol, der das begehrte Tablet seit heute Nachmittag mit Beschlag belegt hat. „Ich muss meine Hausaufgaben fertig machen – morgen muss ich den Aufsatz über die Gebäudeautomation abgeben!“

Anatol – er hatte bisher schmökernd im Dino-Nestchen gelegen – sieht nun tatsächlich von dem Tablet auf und zieht die Augenbrauen hoch. „Du musst – … was?!“

Ich bin ebenfalls perplex. Dass man Schulaufgaben auf einem Tablet erledigt, hatte ich bereits erstaunt zur Kenntnis nehmen müssen – aber was es mit der Gebäudeautomation auf sich hat, das ist sowohl mir als offenbar auch Anatol ganz unerfindlich.

Elie nutzt den kurzen Moment der Unaufmerksamkeit Anatols, um diesem das Tablet wegzuschnappen und mit einem Satz vom Regal zu hüpfen. Dabei übersieht er, dass Anatols schlampig aufgehängter Schal direkt vor dem Regal baumelt, verfängt sich mit einem Fuß darin – und anstatt mit einem eleganten Satz elastisch auf dem Parkett zu landen, stürzt der kleine Saurier mit wild in der Luft rudernden Armen vom Regal, überschlägt sich einmal – und klatscht der Länge nach auf den Fußboden. Das Tablet kommt etwas weiter scheppernd zum Liegen.

Dies alles geschieht innerhalb nur einer Sekunde – Anatol und ich sehen hilflos auf das Geschehen, ohne irgendetwas tun zu können.

Nun stürze ich schreckerfüllt zu Elie, der sich stöhnend aufzurichten versucht. „Bleib liegen, Elie!“ ruft Anatol. „Nicht bewegen, das kann gefährlich sein!“

Ich sehe sofort, dass Elies Vorderpfote seltsam abgeknickt absteht. Es gibt keinen Zweifel: die Pfote ist bei dem Sturz gebrochen. Elie wird blass, als er sein Beinchen ansieht – ich fürchte, dass er das Bewusstsein verlieren wird, wenn wir nicht schnell etwas tun.

Leider sind meine Kenntnisse in erster Hilfe rudimentär. Ich rufe Anatol zu, er solle eine Serviette in kaltes Wasser tauchen und mir bringen.

Elie versuche ich, so gut es geht zu beruhigen. Als erstes bitte ich ihn, mir genau zu sagen, wie spät es auf der großen Küchenuhr, die man vom Flur aus sieht, gerade ist. Die Uhrzeit ist mir egal – aber ich will, dass Elie nicht auf seinen gebrochenen Arm starrt. Das klappt sogar: Elie berichtet pflichtbewusst, dass es jetzt 17 Uhr 30 sei.

Mir fällt indessen ein, dass es eine stabile Seitenlage gibt. Richtig, das hatte man beim Erwerb des Führerscheins einstudiert … wie man aber einen Dinosaurier in eine solche Lage bringt – das hatten wir nicht erlernt. Mir gelingt es zwar, Elie auf die Seite zu legen, danach weiss ich jedoch nicht weiter.

„Anatol!“ zische ich wütend und hilflos. „Was tun wir jetzt? Wir können den Nottierarzt nicht anrufen, das gibt wieder Probleme!“

Anatol ist aus dem Nest geklettert und hat mir das nasse Tuch gebracht, mit dem ich Elies Stirn kühle. Ratlos kratzt Anatol sich am Kopf.

„Ich rufe die Zwerge an! Etwas besseres fällt mir leider nicht ein.“ In diesem Moment bemerke ich, dass Elie noch blasser wird und ihm Schweisstropfen auf der Stirn stehen. Reflexartig lege ich seine Beine höher, dann hole ich den Verbandskasten, entfalte die Rettungsdecke und lege sie über Elie.

Anatol hat nun den Notdienst der Zwergen-Tierklinik erreicht. Der mittlere Zwerg erklärt uns ruhig, was zu tun ist. Elie dürfe weder überhitzen noch auskühlen, die Temperatur sei also zu überwachen. Der Arm bzw. die Vorderpfote solle nur leicht entlastet werden, am besten durch eine Armschlaufe mit einem Dreieckstuch. Sobald das geschehen sei, sollten wir so schnell als möglich in der Klinik vorstellig werden. Man werde dort nun alles für Elie vorbereiten.

Für die Anfahrt gibt uns der mittlere Zwerg noch den Hinweis, diesmal nicht von der „Langen Nacht“ aus zur Klinik zu kommen, sondern direkt über den Eberbach. Dieser Weg sei etwas beschwerlicher, aber kürzer. Er werde uns den Luchs zum Eberbach schicken, da das Wildschwein urlaubsbedingt zur Zeit nicht für Krankentransporte zur Verfügung stehe.

Nach dieser Mitteilung im perfekten Bürokratendeutsch legt der Zwerg auf. Ich vermute, dass der administrativ-hoheitliche Stil gewählt wurde, um jede Widerrede gegen den Einsatz des Luchses im Keim zu ersticken.

Der Luchs bereitet nämlich sowohl Anatol und Elie als auch mir eine regelrechte Höllenangst. Woher sollen wir wissen, ob er heute Abend nicht doch hungrig ist?

Mit einem mulmigen Gefühl machen wir uns mit dem Victoria-Fahrrad auf den Weg. Elie liegt angeschnallt auf einem Kissen in stabiler Seitenlage im Fahrradkorb, Anatol sitzt in meinem Rucksack – frech hält er den Kopf über meine Schulter herausgestreckt und tönt laut, er habe „die gesamte Lage im Griff“.

Ich kann mir ein verächtliches Schnauben nicht verkneifen. Wenn Anatol seinen Schal nicht so nachlässig hätte herumhängen lassen, wäre der Unfall nicht passiert. Aber wenn das Wörtchen wenn nicht wär‘ … Unfälle passieren leider.

Ich trete in die Pedale, wie ich nur kann – bald erreichen wir die Schillerwiesen und dann den Hainberg. An der Ecke Hainholzweg-Calsowstraße biegen wir in letztere ein und fahren an den Tennisplätzen vorbei bis zum Reinkeweg. Diesen fahren wir bis zum Eberbach, dem wir links folgen. Bald wird der Weg beschwerlicher. Wurzeln und Unterholz überwuchern den Pfad, der kurze Zeit später ganz unter dem Dickicht verschwindet. Rechts erahnen wir nur die tiefe Schlucht, die der Eberbach hier bildet, aber das Unterholz ist so dicht, dass man sie kaum erkennen kann.

Ich entschließe mich, das Fahrrad an dieser Stelle zurückzulassen und Elie im Korb bis zur Klinik tragen. Von Zeit zu Zeit treffen wir auf kleinere Steinanhäufungen – ein geheimes Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg zur Tierklinik sind, weiss Anatol zu berichten.

Die Steine bleiben jedoch nun aus. Entweder haben die Zwerge hier keine Wegweiser mehr angebracht  – oder aber wir sind auf Abwege geraten. Schwitzend bleibe ich stehen und sehe mich um. So weit das Auge reicht, sehe ich grünen Wald um mich herum. Es gibt keinen Pfad und keinen Wegweiser. Wir haben uns verlaufen.

Ein Rascheln dringt aus dem Dickicht zu uns, dann ein leises Fauchen. Das Herz rutscht mir in die Hose. Dass es bitte nicht der schauerliche, furchterregende Luchs sein möge! Anatol verschwindet eilig in den Tiefen meines Rucksacks und zerrt von innen den Reissverschluss zu.

Indessen schleicht geschmeidigen Schritts der Luchs  aus dem dichten Unterholz hervor.

Artig setzt er sich vor uns hin. Sicher fällt ihm auf, dass nicht nur ich, sondern auch mein Rucksack vor Angst schlottern. Einzig Elie in seinem Korb zittert nicht, da er den Luchs noch nicht gesehen hat.

„Guten Abend“ sagt der Luchs höflich. Seine Pinselohren sind aufmerksam nach oben gerichtet – bei Katzen (und, so hoffe ich, auch beim Luchs) ein Zeichen von freundlicher Aufmerksamkeit. Ich bemerke jedoch, dass die Schwanzspitze des Luchses ein winziges bisschen hin- und herzuckt. Dies zeigt, dass nicht nur wir, sondern auch der Luchs etwas aufgeregt ist.

„Bitte folgt mir möglichst zügig“ weist uns die riesige Katze an. „Der mittlere Zwerg sagte, es sei Eile geboten. Der kleine Dinosaurier muss schnellstens behandelt werden. Ich zeige Euch deshalb eine Abkürzung.“

Der Luchs scheint ehrlich besorgt um Elies Wohl. Dies erfüllt mich mit einem Gefühl der Dankbarkeit. Ich sage dem Luchs, wie hoch ich es ihm anrechne, dass er sich so hilfsbereit und freundlich uns gegenüber verhalte.

Der Luchs schüttelt den Kopf. „Das ist doch ganz selbstverständlich.“

Hier meldet sich mein Rucksack zu Wort. Aus seinem vermeintlich sicheren Versteck heraus kräht Anatol frech „Sag bloß, Du würdest uns nicht am liebsten fressen!“

Wie vom Schlag getroffen bleibe ich stehen. Ich versetze dem Rucksack einen festen Knuff und zische: „Ruhe da drinnen!“ Dann stammele ich eine Entschuldigung – und stelle mich auf einen Angriff des Luchses ein. Wäre es denkbar, auf eine der umstehenden Buchen zu klettern? Aber wie – mitsamt dem Fahrradkorb, in dem Elie liegt?

Allen bösen Erwartungen zum Trotz geschieht nun etwas ganz Erstaunliches. Der Luchs seufzt wie aus Überdruß und schüttelt den Kopf.

„Nein, ich will Euch nicht fressen. Erstens, weil ich gar keinen Hunger habe. Vorhin habe ich nämlich ein riesiges Abendessen von den Zwergen bekommen. Aber auch, wenn ich hungrig wäre, wollte ich Euch nicht fressen.“

Ich bin perplex. Sprachlos stehe ich da und höre dem Luchs weiter zu.

„Der kleine Dino da im Korb, der wäre ganz ungenießbar. Diese Tiere sind für einen Luchs keine Beute. Ich vermute, dass das für das freche Exemplar im Rucksack auch zutrifft.“

Ich fühle förmlich, wie Anatol gerade puterrot wird.

„Tja, und Menschen, wie Dich …“ – der Luchs sieht nun mich an – „… also die fresse ich auch nicht. Wisst Ihr eigentlich, wie schwer – ja geradezu unmöglich – es ist, Bio-Mensch zu finden? Heutzutage gibt es das nicht mehr. Menschen sind voller Antibiotika und anderer Medikamente, oft mit Hormonen gespritzt. Und wenn es ganz schlimm kommt, sind auch noch Anabolika drin. Wenn ich so etwas fressen würde, könnte ich gleich die Klinik-Apotheke leerfuttern.“

Bekümmert sieht der Luchs zu Boden. „Ich will mich ja nicht vergiften. Ihr könnt ganz sicher sein, dass ich Euch schon aus diesem Grund nichts tun werde.“

Ich wage es nicht, mich zu bewegen oder etwas zu sagen. Zitternd vor Angst stehe ich vor dem Luchs, meinen rosa Rucksack auf dem Rücken und den Fahrradkorb in der Hand … ich bin noch nie in einer solchen Situation gewesen und weiss nicht, wie ich mich nun verhalten soll.

Der Luchs seufzt und fährt fort „Ja, und dann ist da noch das Misstrauen der Anderen. Niemand möchte etwas mit mir zu tun haben. Alle haben Angst vor mir – sogar das Wildschwein. Dabei kann sogar ein gesunder, starker Luchs es kaum mit einem Wildschwein aufnehmen. Und dann ich erst … Und damit die Tiere und Menschen hier keine Angst mehr vor mir haben, versuche ich nicht einmal mehr, zu jagen. “

Betrübt sieht der Luchs an sich herunter. Nun fällt es mir wieder ein: der Luchs war in eine Falle geraten und hatte sich die Pfote so verletzt, dass ein dauerhafter Schaden geblieben war, den auch die Zwerge nicht hatten beheben können.

„Ich kann mich zwar immer noch anschleichen, aber nicht mehr springen. Wann ich meine letzte Beute erlegt habe, weiss ich nicht einmal mehr. Ich werde von den Zwergen gefüttert – sonst wäre ich wohl längst verhungert. Trotzdem möchte niemand mein Freund sein. Wie einsam mein Leben oft ist, könnt Ihr Euch nicht vorstellen.“

Entschlossen dreht sich der Luchs um und läuft weiter. Er humpelt tatsächlich ein wenig. „Wir sind fast da“ kündigt er uns an. Offenbar möchte er jetzt nicht weiter mit uns sprechen.

Aus seinem Transportkorb heraus ruft Elie laut „Luchs, das stimmt nicht, was Du eben gesagt hast. Ich möchte gern Dein Freund sein! Wenn ich Dich besser kennen würde, hätte ich bestimmt keine Angst mehr vor Dir.“

Der Luchs dreht sich um. Ungläubig sieht er uns an. Aus meinem Rucksack heraus tönt es, etwas erstickt: „Ich auch! Luchs, ich glaube ich könnte mich auch an Dich gewöhnen.“

Ich nicke dem Luchs zu. „Das gilt auch für mich.“

Der Luchs flüstert leise „Ich danke Euch“, dann läuft er weiter. Kurze Zeit später stehen wir vor der Klinik, wo Elie sofort vom kleinen und mittleren Zwerg in Empfang genommen wird.

Die Krähe als Ober-Krankenpfleger erklärt uns, dass Elie nun in Narkose gelegt und gleich operiert werde. Ein Krankenzimmer, in dem wir für die kommende Nacht auch untergebracht wären, sei schon für Elie hergerichtet.

Erleichtert, dass Elie nun in guten Händen ist, setzen wir uns auf die Bank im Wartezimmer. Der schöne Wartegarten fällt uns ein – heute muss man darin einen sehr angenehmen Tag verlebt haben, da es, obwohl November, wunderbar warm und sonnig gewesen war. Nun ist es allerdings schon Nacht.

Anatol quengelt leise „Ich hab Hunger!“ – und auch mir knurrt der Magen. Seit der große Zwerg in Rente gegangen ist – er steht der Klinik nur noch als medizinischer Berater bei sehr schwierigen Fällen zur Verfügung – hat er gleich neben dem Klinikgebäude ein Restaurant eröffnet. Dies sei seit langem sein Traum gewesen: eine kleine aber feine Gastwirtschaft, in der er selbst der Koch sei.

Wir entschließen uns, beim großen Zwerg in der HainbergschänkeVilla Vera“ einzukehren. Unser Wirt serviert Anatol und mir je ein riesiges alkoholfreies Bier, dann verschwindet er in der Küche, um dort wunschgemäß Spiegeleier mit Bratkartoffeln für uns zuzubereiten. Ausnahmsweise essen wir heute nur vegetarisch, nicht vegan – der heutige Tag war außergewöhnlich genug, um eine solche Abweichung von unseren Gewohnheiten zuzulassen.

Anatol lässt die Geschichte des Luchses keine Ruhe. „Wie traurig das klingt, was er uns erzählt hat! Ob wir ihm helfen können? Wo ist er eigentlich geblieben?“

Ich erkläre Anatol, dass ein Luchs keine Schmusekatze ist wie unsere kleinen Freunde, die Katzen. Der Luchs ist ein wildes Tier – ein Raubtier – das sich Menschen normalerweise gar nicht zeigt. Deshalb habe sich der Luchs vermutlich zurückgezogen, als wir an der Klinik angekommen seien.

Über das ganze Gesicht strahlend bringt uns der große Zwerg unser Abendessen. Zu Bratkartoffeln und Spiegelei serviert er frisches Gersterbrot, selbstgeschleuderte Butter und einen großen Salat.

Schmatzend vor Genuß fragt Anatol „Können wir nicht öfter hier einkehren? Es schmeckt köstlich!“ Der große Zwerg ist in der Tat ein begnadeter Koch – er erzählt uns, dass alle Zutaten aus eigener Herstellung stammen. Nur so könne er sicher sein, dass alles seinen hohen Qualitätsanforderungen entspreche.

Ich bringe nun das Gespräch auf den Luchs.

Der große Zwerg seufzt. „Unser Luchs. Ja, er ist ein echter Problemluchs. Hier im Hainberg kann er – selbst wenn er jagen könnte – im Grunde nicht überleben. Der Wald ist nicht groß genug für ein solches Raubtier, und Menschen sind auch fast überall anzutreffen. Da er behindert ist und gar nicht auf Jagd gehen kann, füttern wir ihn hier. Er hat seinen Unterschlupf hinter dem Restaurant am Schuppen. Wir dachten, er würde sich hier gut einleben. In gewisser Weise hat er das auch – aber die anderen Tiere begegnen ihm mit Misstrauen. In letzter Zeit wirkt er sehr unglücklich – das ist mir auch aufgefallen.“

Anatol will dem Luchs heute Abend unbedingt noch gute Nacht sagen – ob das eine gute Idee ist, weiss ich nicht.

Nach dem Essen gehen wir daher, nicht ohne ein flaues Gefühl in der Magengrube, zum Schuppen hinter der Hainbergschänke.

„Lu-huchs…“ flüstert Anatol. „Bist Du da…?“ Ich packe Anatol am Schlafittchen und gebe zu bedenken, dass der Luchs sicher schon schlafe und in Ruhe gelassen werde wolle.

Eine rauhe Stimme ertönt. Es ist der Luchs. „Es ist nett, dass Ihr vorbeikommt. Nein, ich schlafe nicht. Normalerweise würde ich jetzt draußen im Wald jagen. Wir Luchse sind nachtaktive Tiere. Aber das ist für mich vorbei. Sagt, wie geht es dem kleinen Dinosaurier?“

Wir berichten, dass Elie operiert wurde und dass wir nun in die Klinik zurück wollen, um dort hoffentlich zu erfahren, wie alles verlaufen sei. Vielleicht sei Elie sogar schon im Krankenzimmer beim Aufwachen?

„Geht schnell zu Eurem kleinen Freund“ sagt der Luchs. „Freunde und Familie, das ist das Wichtigste im Leben.“

Wir versprechen dem Luchs, am nächsten Tag noch einmal bei ihm vorbeizusehen. Dann gehen wir.

Als wir wieder am Restaurant des großen Zwergs angelangt sind, hören wir den Luchs uns nachrufen: „Ich bin Pelle. Pelle, der Luchs.“

Wir drehen uns um und winken dem Luchs zu. „Schlaf gut, Pelle“ flüstert Anatol mit Tränen in den Augen.

Als wir Elie noch immer fest schlafend und mit einem riesigen Gipsarm im Krankenzimmer liegen sehen, sieht Anatol mich an. „Wir müssen etwas für Pelle tun. Und ich glaube, ich habe eine Idee.“ Dann legt er sich neben Elie ins Krankenbett, zieht das Tablet, das der Spitzbube doch tatsächlich mitgenommen hatte, hervor und vertieft sich eine Lektüre, die er mir nicht zeigen will.

Ich schlüpfe unter die Decke des improvisierten Feldbetts, das die Zwerge mir hingestellt haben und schlafe sofort ein.

Am nächsten Morgen bin ich noch vor Sonnenaufgang wach. Elie wimmert leise in seinem Bettchen. „Mein Arm tut so weh“ weint er.

Ich drücke den Notknopf, der neben Elie auf dem Bett liegt – und kurze Zeit später betritt das Kaninchen das Zimmer. „Wie geht es uns denn heute?“ fragt es beflissen.

Uns geht es überhaupt nicht!“ zetert Elie. „Aber mir, mir geht es absolut gräßlich!“

Das Kaninchen versteht. Es nickt. „Ich bringe Dir etwas gegen die Schmerzen.“ Es verlässt das Zimmer und kommt fast augenblicklich mit einem kleinen Becher, in dem eine rosa Pille liegt, sowie einer Kanne zurück. Die Kanne entpuppt sich als Behältnis von Hagebuttentee. Ich erschauere.

Anatol flüstert „Das müssen wir doch nicht trinken, oder?“ Das Kaninchen hat mit seinen großen Ohren alles gehört. „Doch, das müsst Ihr“ sagt es trocken. „Das gehört zur Klinikverpflegung dazu. Seid froh, dass ich Euch nicht den Kaffee gebracht habe!“

Elie schluckt nun brav seine Tablette. Appetit hat er gar keinen.

Aus Solidarität trinken Anatol und ich eine Tasse Hagebuttentee mit. Ich schüttle mich. Insgeheim nehme ich mir vor, später ein richtiges Frühstück beim großen Zwerg zu ordern. Ich sehe Anatol an, dass er meinen Gedanken erraten hat.

Kurze Zeit später stehen Anatol und ich vor der Hainbergschänke und bestellen ein Frühstück mit Croissants, Brötchen – und echtem Tee.

Der große Zwerg schmunzelt „Ihr habt meine selbstgekochte Marmelade noch nicht probiert, nicht? Die bringe ich Euch gleich.“

Ein Anflug von Misstrauen bringt mich auf den Verdacht, die Klinikverpflegung sei möglicherweise absichtlich so ungenießbar – damit der große Zwerg seine Speisen noch besser an den Patienten bringen könne. Als ich indessen den herrlich gedeckten Frühstückstisch sehe, verfliegt jeder Argwohn. Anatol sitzt bereits mitten auf dem Tisch und löffelt Marmelade und Honig.

„Ich glaube, hier ist das Schlaraffenland“ ruft er fröhlich.

zur Fortsetzung!

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