AUF DER SUCHE NACH PELLES ZUHAUSE

… was vorher geschah

Ein paar Tage später darf Elie die Zwergenklinik verlassen. Dank des eindrucksvollen Gipsverbands um seinen Arm wird er bei Anna als Held auftreten können. Stolzgeschwellt schlenkert er seinen Gipsarm vor sich her.

Anatol ist seit unserem Abend in der Hainbergschänke in seinen Computer versunken. Stundenlang sucht er das Internet ab, sagt aber nicht, wonach. Von Zeit zu Zeit gibt er ein unwilliges Knurren von sich – und haut dann in die Tasten, dass es kracht. Wenn der Saurier in dieser Stimmung  ist, stört man ihn besser nicht.

Heute früh scheint Anatol jedoch bester Laune. Als ich wie üblich um 5 Uhr 30 die Küche betrete, ist der Saurier bereits wach und hat einen starken Kaffee aufgebrüht. Oder ist er etwa gar nicht ins Bett gegangen?

Anatol beantwortet meine stille Frage: „Ich habe die ganze Nacht im Internet gesurft. Und ich habe endlich die Lösung für Pelle gefunden. Hier!“

Aufgeregt streckt er mir das Tablet entgegen. Dort sehe ich die Webseite des Luchsprojekts Harz. Ich bin sprachlos – es gibt ein Luchsprojekt? Davon habe ich noch nie gehört. Sofort vertiefe ich mich in die Homepage. Dort lese ich, dass das Luchsprojekt Harz sich um die Wiederansiedlung des europäischen Luchses im Harz kümmert – ich bin sehr beeindruckt:

Die intensive Verfolgung durch den Menschen führte vor rund 200 Jahren in Mitteleuropa zum Aussterben des Eurasischen Luchses. In den 1970er Jahren wurden die Bemühungen verstärkt, die verbliebenen Vorkommen der Tierart zu schützen. Wiederansiedlungsprojekte in einigen europäischen Staaten führten zur Etablierung kleinerer Luchs-Populationen insbesondere im Alpenraum aber auch z.B. im deutsch/tschechischen Grenzbogen.

Noch sind diese Luchsvorkommen relativ klein und nicht alle stehen in Verbindung miteinander. Weitere Wiederansiedlungsprojekte und Maßnahmen, die es großen Wildtieren ermöglichen auch über weite Entfernungen durch unsere Kulturlandschaft zu wandern, können helfen nicht nur das Überleben des Luchses zu sichern.

Mit dem Luchsprojekt Harz wurde Anfang 2000 erstmals in Deutschland ein Wiederansiedlungsversuch für die größte europäische Katze gestartet.

Zwischen Sommer 2000 und Herbst 2006 wurden im Nationalpark Harz insgesamt 24 Luchse (9 Männchen und 15 Weibchen) in die Freiheit entlassen. Alle ausgewilderten Tiere sind Gehegenachzuchten aus europäischen Wildparks, die vor der Freilassung in einem vier Hektar großen Auswilderungsgehege im Nationalpark in den neuen Lebensraum eingewöhnt worden waren.

Anatol unterbricht ungeduldig meine Lektüre. „Ich bin sicher, dass Pelle ursprünglich von dort kommt! So weit ist der Harz nicht von der Tierklinik entfernt… Pelle muss immer weitergewandert sein, bis er schließlich in diese schreckliche Falle geriet. Zum Glück war er da schon in der Nähe der Klinik. Wer weiss, was sonst aus ihm geworden wäre …“

Ich sehe vom Tablet hoch. „Wir müssen Pelle in den Harz zurückbringen! Dort ist seine Heimat… ich bin sicher, dass er dort auch versorgt wird. Er kann ja nicht selbst jagen. Dort wäre er endlich wieder unter seinesgleichen!“

Anatol nickt. „Genau das ist auch meine Idee. Nun müssen wir das nur noch Pelle vorschlagen. Hoffentlich möchte er überhaupt wieder dorthin zurück …“

Nun kommt Elie in die Küche – den Gipsarm wie eine Monstranz vor sich hertragend.

„Ihr wollt Pelle bis in den Harz bringen? Wie soll denn das gehen? Ins Fahrradkörbchen passt er jedenfalls nicht!“

Dies stimmt allerdings. Für Pelle werden wir eine Mitfahrgelegenheit brauchen, sprich: ein Auto, denn mit der Bahn werden wir Pelle nicht transportieren können. Aber ob ein Luchs überhaupt Auto fährt? Und wo soll Pelle „zusteigen“? Die Tierklinik ist mit dem Auto nicht zu erreichen …

Anatol errät meine Gedanken. „Beim Transport müssen uns die Zwerge helfen. Die werden schon eine Idee haben. Hoffe ich jedenfalls! Wir können eventuell das Carsharingauto für den Transport verwenden, was meint Ihr…?“

Auf diese Frage gibt Wikipedia eine klare Antwort:

Mit einer Kopfrumpflänge zwischen 80 und 120 Zentimetern und einer Schulterhöhe von 50 bis 70 Zentimeter ist der Luchs die größte Katze Europas.

In Mitteleuropa wiegen männliche Luchse, die in der Jägersprache auch als „Kuder“ bezeichnet werden, je nach Region im Durchschnitt zwischen 20 und 25 Kilogramm, wobei besonders leichte Exemplare nur 14 Kilogramm wiegen und sehr schwere Tiere ein Körpergewicht von 37 Kilogramm erreichen können.

Um Pelle, bei dem es sich um ein „ziemlich großes Exemplar“ handelt, zu transportieren, werden wir also mindestens einen Kleintransporter benötigen. Der arme Kerl soll sich auf der Reise in den Harz schließlich nicht zu beengt fühlen. Eine Autofahrt mit einem Luchs-Passagier, der einen klaustrophobischen Anfall erleidet, möchte ich mir nicht vorstellen.

Bevor wir der Luchsumsiedelung indessen näher treten, müssen wir Pelle fragen, ob er überhaupt in den Harz möchte. Vielleicht hat er sich ja nun doch so im Hainberg eingelebt, dass er gar nicht mehr weg will?

Am frühen Vormittag wählt Anatol die Telephonnummer der Tierklinik. Die Ameise hebt vorschriftsmäßig ab.

„Sie sind mit der Zentrale der Tierklinik der Zwerge verbunden. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Anatol erklärt der Ameise, dass er mit Pelle, dem Luchs sprechen wolle. Ob sie ihn bitte ans Telephon holen würde? Er könne auch etwas später wieder anrufen, wenn sie den Luchs nicht gleich finden würde …

„Bitte nicht auflegen!“ schnarrt die Ameise in den Hörer. Dann hört man ein leises Schaben – das Insekt krabbelt offenbar das Telephon herunter. Dass man dies durch den Fernsprecher mitbekommt, ist eine technische Meisterleistung, die wir Mina zu verdanken haben. Sie hatte bei einem ihrer Besuche das Telephon auf die leise Stimme der Ameise eingestellt, die man oft kaum hatte verstehen können.

Bange Minuten des Wartens verstreichen. Ist Pelle überhaupt da? Seine Streifzüge durch den Wald können sich über Tage hinziehen – das haben wir auf der Webseite des Luchsprojekts gelesen …

Dann vernehmen wir ein Klappern – der Hörer wird aufgenommen. Eine riesige Pranke scheint das Gerät zu umklammern, dann erklingt eine rauhe, wohlbekannte Stimme:

„Hier spricht Pelle. Pelle, der Luchs. Sie haben nach mir geschickt? Wer ist am Apparat, bitte?“

Anatol hüpft vor Freude mit dem Telephon durch den Flur. „Huhu Pelle! Hier ist Anatol! Wir haben Neuigkeiten für Dich!“

Atemlos erzählt Anatol dem Luchs von seiner Idee. Von Pelles alter Heimat im Harz, vom Luchsprojekt, dem Luchsgehege, in dem er immer Futter finden würde… und vor allem von den anderen Luchsen, die dort ebenfalls lebten: Pelles Familie!

Als Anatol Luft holen muss, ist Stille am anderen Ende der Leitung. „Pelle?“ fragt Anatol. „Bist Du noch da?“

Er schüttelt den Hörer – und vernimmt plötzlich ein markerschütterndes Schreien, das aus der Tierklinik zu kommen scheint. „Hilfe! Hilfe!“ kreischt es durch die Leitung, während wildes Getrappel und Gelärme im Hintergrund ertönt. Dann scheint ein offenbar größerer metallischer Gegenstand mit Getöse zu Boden zu gehen, woraufhin ein entsetztes Quieken erklingt.

„Pelle, was ist los?!“ ruft Anatol erschrocken ins Telephon.

„Ich rufe zurück!“ seufzt der Luchs – und legt auf.

Anatol guckt ratlos in den Hörer, als ob er darin sehen könnte, was eben geschehen ist. Dann legt er auf und sieht zu mir hoch. „Was ist da nur…?“ weint er los. Ich kann mir keinen Reim auf das seltsame Vorkommnis machen. Es bleibt uns nicht anderes übrig, als auf Pelles Rückruf zu warten …

Da! Das Telephon schrillt. Anatol reisst den Hörer ans Ohr – es ist Pelle!

„Ich bin nach nebenan in die Schänke des großen Zwergs gegangen. Hier gibt es auch ein Telephon.“

Pelle stößt einen tiefen Seufzer aus. „Die Patienten im Wartezimmer drüben in der Klinik haben mich gesehen, wie ich an der Aufnahme stand und mit Euch telephoniert habe … ein krankes Kaninchen muss bei meinem Anblick sehr erschrocken sein, und das hat bei den anderen Patienten zu einer Massenpanik geführt …“

Pelle klingt resigniert. „Dabei habe ich mich dem Wartezimmer nicht einmal genähert. Das Kaninchen, die Mäusefamilie, der Fuchs und die Waldtaube sind aber so in Angst und Schrecken geraten, dass sie bei ihrer überstürzten Flucht  aus dem Wartezimmer alles umgerissen haben und auf dem Gang eine Transportliege mit einem darauf gebetteten verletzten Siebenschläfer umgeworfen haben.

Wisst Ihr … eigentlich wollte ich vorhin sagen, macht Euch keine Mühe mit mir und lasst mich im Hainberg weiter vor mich hinleben. Aber das Vorkommnis eben … das war zu viel. Ich möchte weg von hier. Alle Tiere haben Angst vor mir, und ich kann es einfach nicht ändern.“

Hier versagt dem Luchs die Stimme. Er beginnt zu weinen. Mit letzter Kraft schafft er es noch, zu schluchzen: „Ich warte in der Nähe der Langen Nacht auf Euch. Dort könnt Ihr mich abholen. Bitte kommt bald!“

Bevor Pelle auflegt, ruft Anatol noch ins Telephon: „Halt durch, Pelle! Wir holen Dich morgen da ab!“

Dann sieht Anatol mich ratlos an. „Schaffen wir das überhaupt – ihn Morgen abzuholen und in den Harz zu bringen …?“

Ich rufe die Webseite des Carsharings auf und suche nach dem Kleintransporter, den wir für unsere letzte große Entrümpelungsaktion genutzt hatten und in dem wir Kubikmeter von Dingen zum Emmaüs gebracht hatten. Dieses Auto, so scheint mir, sollte groß genug sein, um Pelle in den Harz zu bringen.

Kurze Zeit später ist das Auto reserviert. Als wir es abholen, um es für die Reise unseres Luchses vorzubereiten, fällt uns auf, dass auch der hintere Teil  des Transporters Fenster hat – und daher von außen gut einsehbar ist.

Anatol kratzt sich am Kopf. „Das ist ungünstig,“ meint er. „Was, wenn wir mal anhalten – oder tanken … dann kann jeder da reingucken und Pelle sehen. Wir müssen Pelle tarnen. Aber wie? Mit einer Decke vielleicht?“

Ich halte das für keine gute Idee. Pelle wird unter der Decke noch recht gut zu erkennen sein – und wenn wir in eine Verkehrkontrolle geraten, bei der man uns fragt, was für einen riesigen Gegenstand wir denn da unter der Decke haben … mir graut allein bei dem Gedanken daran.

Elie hat die rettende Idee. „Wir verkleiden Pelle einfach als sehr großen Hund – warum nicht als Labrador? Ich kann Pelle ein paar ganz tolle Labrador-Ohren häkeln! Das haben wir letzten Sommer in der Amnestygruppe bei „Häkeln für den Frieden“ gelernt! Anna hatte ganz tolle Katzenohren, und ich hatte Drachenohren. Aber jetzt kann ich für Pelle Schlappohren häkeln. Dann sieht niemand, dass er ein Luchs ist!“

Anatol stößt ein gequältes Lachen aus. Er ist nicht überzeugt von der Idee.

Elie fragt pikiert „Hast Du denn eine bessere Idee?“ – dies ist nicht der Fall. Einen Einwand hat Anatol allerdings: „Wie willst Du mit Deinem Gipsarm eigentlich häkeln?“

Elie wird puterrot. Sein Gips, auf den er so stolz ist, wird nun zum Problem: daran hatte er offenbar nicht einmal gedacht. Glücklicherweise hat er eine Lösung in petto: Mina kann den Faden halten, während er mit dem Häkelhaken hantiere… so müsse es klappen!

Während Anatol und ich Decken und Kissen zusammensuchen, um eine Art „Luchsbettchen“ im hinteren Fahrzeugteil zu bauen, ziehen Mina und Elie sich in ihr Zimmer zurück und beginnen mit Feuereifer, zu häkeln.

An diesem Abend gehen wir früh ins Bett –  aber schlafen können wir vor Aufregung nicht. Erst kurz vor dem Morgengrauen finde ich etwas Schlaf.

Bald klingelt der Wecker.

Unser Luchs-Abenteuer beginnt.

zur Fortsetzung!

 

 

 

 

 

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